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In den nächsten Jahren drohen den Menschen in und um Dorfen durch die Umsetzung von zwei Straßenprojekten erhebliche Zerstörungen des natürlichen Stadtumfeldes und eine deutliche Zunahme des motorisierten Individualverkehrs. Die A94 ist bis auf die Trasse Dorfen zwischen Ampfing und Pastetten fast fertig. Der letzte Versuch der Aktionsgemeinschaft gegen die A94, die Autobahn durchs Isental gerichtlich zu verhindern hat wenig Erfolgschancen. Mit zügigem Baufortschritt ab Herbst 2010 ist deshalb zu rechnen. Die A94 wird dann nur wenige hundert Meter südlich von Dorfen verlaufen, eine in Stadtnähe geplante Autobahnausfahrt wird zusätzlichen Zubringerverkehr auf der B15 erzeugen.
Gewerbegebiet Dorfen Süd-West
Die Pläne sogenannter „Bauträger“, an dieser A94-Ausfahrt einen „Gewerbepark“ profitabel zu vermarkten, laufen auf Hochtouren. Die Bauunternehmen Scharl/Singer und Decker verfügen jeweils bereits über große Flächen westlich der B15 zwischen Dorfen und Armstorf. Sobald die letzten Zweifel über die Verwirklichung der Trasse Dorfen ausgeräumt sind, werden wohl auf einer Fläche von 12 ha die Bauarbeiten für eine weitere Autobahn-Ausfahrt-Gewerbe-Wüste in Angriff genommen.
Ortsumfahrung Dorfen West (ODW)
Zur „Entlastung“ der immer dramatischer werdenden Verkehrssituation in Dorfen und hier besonders auf der B15, fordern LokalpolitikerInnen, v.a. aus der CSU, eine Ortsumfahrung im Dorfener Westen. Nach der Diskussion von vier verschiedenen Alternativen, hat sich der Dorfener Stadtrat für die engste Umfahrung Dorfens entschieden: Von Scheideck (nahe Abzweigung Erding) im Dorfener Norden vorbei an Niederham (zwischen Oberdorfen und Dorfen) quer durch die beliebten Grünflächen um Breitwies und hoch zum Fürmetz Hölzl, wo sie in unmittelbarer Nähe der dann vorhandenen A94 und Gewerbewüste wieder auf den jetzigen Streckenverlauf der B15 einschwenken soll.
ODW - A94 Straßenprojekte Dorfen 2011 auf einer größeren Karte anzeigen
Hintergrund
Entgegen der aus Politik und Wirtschaft gepushten Denke, ist der Massen-Autoverkehr keine natürliche Entwicklung oder Schicksal sondern beabsichtigtes Ergebnis einer Politik, die für die Profitabilität der deutschen Automobilindustrie alles Erforderliche tut: Sie stellt das weltweit dichteste Straßennetz zur Verfügung und organisiert mit rechtlichem und behördlichem Instrumentarium (StVO, Straßenmeistereien, Zulassungsstellen, Polizei...) den Betrieb.
Über Jahrzehnte haben sich so die Straßen zu Lebensadern der kapitalistischen Gesellschaft in Deutschland (und anderswo) entwickelt, die eine hohe Mobilität von Arbeitenden, KonsumentInnen und einen für Unternehmen kostengünstigen Güterverkehr ermöglichen. Der regelmässige Schaden einer solchen „Autogesellschaft“ wie Verkehrstote, Verletzte, Abgase, Lärm, Streß, Naturzerstörung usw. wird in aller Regel kleingeredet angesichts der wirtschaftlichen Bedeutung des Ganzen: Im Durchschnitt gibt jeder Haushalt in Deutschland monatl. mehrere hundert Euro für ein Auto aus (Anschaffung, Treibstoff, Reparaturen, Versicherungen, Kfz-Steuer usw.) und stellt damit die notwendige Mobilität her, um entfernte Arbeitsplätze, Möbelhäuser, Hochschulen oder Fachärzte zu erreichen. Unternehmen transportieren Rohstoffe und Produkte über weite Strecken um Lohnunterschiede oder Steuervorteile an verschiedenen Standorten zu nutzen oder ein breitgefächertes Vertriebsnetz zu bedienen.
Da für die herrschende Politik ja die heiligste aller Kühe die „Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen“ ist, ist sie darauf bedacht, die ganze Gesellschaft in diesem Sinne einzurichten und alle anderen Aspekte dem unterzuordnen. Eine in diesem Sinne leistungsfähige Infrastruktur mit Flughäfen, Autobahnen und Straßen wird deshalb normal gegen alle Widerstände der Betroffenen durchgesetzt.
Die Argumente der ODW-Forderer
Mit täglich 17000 Fahrzeugen sei die B15 schon heute überlastet, mit Fertigstellung der A94 erhöhe sich das Verkehrsaufkommen noch einmal, es drohe der „Verkehrskollaps“ in Dorfen. Eine ODW würde den Durchgangsverkehr und den nördlichen Zubringerverkehr zur A94 aufnehmen und so den Verkehr in Dorfen um ca. 7000 Fahrzeuge pro Tag verringern. Die Naturzerstörung, die Enteignungen von Grundbesitzern und die Kosten i.H.v. mindestens 6 Mio. Euro für die Kommune seien dagegen in Kauf zu nehmen.
Gegenrede
Die extreme Fahrzeugdichte auf der B15 ist nicht zu bestreiten. 17000 Pkw und Lkw täglich produzieren jede Menge Lärm und Gestank und bilden teilweise kilometerlange Schlangen, die von Fußgängern und Radlern, insbesondere alten Menschen und Kindern nur an 4 Fußgängerampeln im Stadtgebiet sicher gekreuzt werden können. Sollte die A94 wie geplant unweit Dorfens gebaut werden, ist auch tatsächlich, bei gleichbleibenden Rahmenbedingungen („autofreundliche“ Politik, Lebensstandard mit 1 Fahrzeug je Haushalt, kostengünstiger Güterverkehr auf der Straße, stabile Mineralölpreise) mit noch mehr Fahrzeugen in und um Dorfen zu rechnen.
Zu bestreiten ist aber, daß eine neue Ortsumfahrung die ganze Sache für die Dorfener Bevölkerung besser macht: 1. Die Zerschneidung der Grün- und Naherholungsflächen im Dorfener Westen und Süd-Westen brächte eine extreme Nutzungseinschränkung des gesamten Gebiets für Radler, Jogger, Reiter, Spaziergänger. 2. Der gesamte asphaltierende Eingriff in die Natur mit Überquerung der Isen und weit sichtbarer Überführung der Bahnlinie wäre einfach häßlich. 3. Die aktuell als Minimum genannten 6 Mio. Euro, die die Stadt Dorfen dafür aufzubringen hätte, fehlen dann woanders, z.B. bei den Schulen, den Kindergärten, dem Schwimmbad usw. 4. Nach Bau der ODW (und A94) wäre das Verkehrsaufkommen auf der innerstädtischen B15 fast das alte, da die katastrophale Stadtentwicklung mit Stapelung von Supermärkten im neuen Ortsteil Schobbing und einer dann neuen Gewerbewüste „Süd-West“ alle innerstädtischen und östlich der Stadt lebenden KonsumentInnen auf die B15 alt zwänge. Auch die Bahn-Pendler würden weiterhin die alte B15 benutzen.
Was dann?
Erstens müßte die Stadtentwicklung auf völlig andere Füße gestellt werden: Weg von der Unterwerfung unter die Interessen von Konzernen und Bauträgern, hin zu einer bedarfsorientierten Steuerung, d.h. Supermärkte nicht stapeln sondern verteilen, soziale Einrichtungen nicht an den Stadtrand (wie das KJH) sondern ins Zentrum – dann müssten weniger Leute auf der B15 nach Schobbing oder hinters Schulzentrum fahren.
Zweitens müssten die Gemeinden gemeinsam auf einen massiven Ausbau des ÖPNV (Kreis, Land, Bund) und bei der Bahn auf Erhalt, Ausbau und Wiedereröffnung von Bahnhöfen (Wasentegernbach, Thann-Matzbach) drängen – dann müssten weniger Bahn-Pendler auf der B15 zum Dorfener Bahnhof fahren.
Drittens müsste die Regierung und die CSU-Herrschaft weg, da sie durch ihre Wirtschafts- und Verkehrspolitik hauptverantwortlich für den drohenden Verkehrskollaps ist und durch ihre Landräte, Bürgermeister, Stadt- und Gemeinderäte die Umsetzung der beiden oben genannten Maßnahmen verhindert.
Viertens müssten die Eigentumsverhältnisse dahingehend geändert werden, daß Autoindustrie und Bahn in die Verfügung der Allgemeinheit übergehen, sodaß ein bedarfsgerechtes, umweltverträgliches und ressourcenschonendes Verkehrssystem realisiert werden kann.
Wie geht´s weiter?
Der Stadtrat beschloß im Juni 2010 mit den Stimmen von CSU, ÜWG und Landlisten die Trasse zwischen Oberdorfen und Niederham in den Flächennutzungsplan aufzunehmen und via Ausschreibung den Auftrag für die Vorplanung zu vergeben. Falls die folgenden Gutachten eine Realisierungsfähigkeit bescheinigen, soll 2011 die Dorfener Bevölkerung in einem Ratsbegehren über den Bau der ODW entscheiden. Bis dahin ist also noch Zeit mit Leuten über die Tragweite des Vorhabens hinsichtlich Naturzerstörung und Kommunalfinanzen zu sprechen, sie zu organisieren und die ODW zu verhindern.
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